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Parteikolumne


Einleitung

Das Wort „Kolumne“ kommt aus dem Lateinischen und bedeuten so viel wie „Säule“. Im Buch, einer Zeitung oder Zeitschrift spricht man von einer „Spalte“. So, wie es sich in der westlichen Presse etabliert hat, äußert eine Kolumne eine bestimmte Meinung, die nicht unbedingt mit der geistigen und politischen Linie des betreffenden Blattes übereinstimmt und regelmäßig an bestimmter gleichbleibender Stelle veröffentlicht wird. Die eigentliche Würze liegt in der Sprache einer Kolumne. Sie gibt den Ton, bestimmt die Handlung und erstickt im Keim viele Probleme, die in anderen Disziplinen nicht immer ausbleiben. Eine gute Kolumne zeichnet sich durch komische Hervorhebung und literarische Übertreibungen aus, in denen der Autor dem Geschriebenen die Bedeutung eines Weltwunders verleit.

Für russischsprachige Leser stellt diese neue journalistische Ausdrucksform eine Symbiose zweier vertrauter Bekannter dar. Die alte gute "Kolonka Redaktora" – wortwörtlich übersetzt „Spalte des Redakteurs“ oder zu Deutsch „Editorial“ – kreuzt sich in demokratischen Zügen mit den Elementen eines Feuilletons. Man kann unendlich über die genaue Herkunft streiten und anderen Theorien nachgehen. Eines ist sicher, im Lande des blühenden Sozialismus kamen solche durchaus fruchtbare Freundschaften nie so richtig zustande. Alle literarischen Erscheinungen entstammten einer Denkrichtung und wirkten aufeinander, wie gleichgeladene Pole, also abstoßend.

Ah, ja. Verschiedene Meinungen? Hier lacht das russische Herz. Es gibt keine verschiedenen Meinungen in einer Zeitung, nicht mal in zwei oder drei. Punkt. In Russland führen nämlich zwei Meinungen zu einer Revolution, in der Ukraine neulich – zur Dioxinvergiftung.

In einer Demokratie, sei es nur auf dem Papier, kann es dagegen bunt zur Sache gehen. Jeder Bürger darf seine Meinung äußern und sie darf auch unterschiedlich sein. Gemeint ist selbstverständlich jener Bürger, der es in einem hoffentlich demokratischen Auswahlverfahren durch nicht weniger demokratische Redakteure und Lektoren zum Autor einer Kolumne bringt.

Auf jeden Fall lässt die betreffende Ausgabe ein Hintertürchen offen, sollte diese Meinung und die Meinung der Redaktion weit auseinander liegen. Singt der Kolumnist unisono mit der vertretenen Meinung, gilt er als Experte. Also, zuhören, was die Klügeren sagen. Trifft er daneben, läuft er die Gefahr, das Image (oder flair) eines ausgesprochenen Spinners, fabelhaften Märchenerzählers und, denkt an die Ausdrucksform, eines Clowns zu ergattern. Hat jemand schon einem Clown ernsthaft zugehört? Nicht so richtig.

Vortäuschung einer Demokratie? In keiner Weise. Der Leser kann frei entscheiden, wozu er sich entscheidet. Er ist an dem ganzen Verdauensprozess beteiligt – selbst kauen, selbst schlucken, selbst verarbeiten. In diesem Punkt unterscheidet sich die reale Demokratie von der deklarierten. In der letzen bekam man alles vorgekaut und mußte nur schnell genug schlucken. Verdaut wird auch nicht, da das Input dem Output verdächtig gleich vorkommt.

Der Demokratie sei Dank, dass in der Kolumne alle Seiten ihren Frieden finden. Die Redaktion gibt sich unversperrt und kritisch, der Autor befriedigt seinen künstlerischen Drang zum Gehörtwerden und der Leser macht sich für das vielfältige und meinungsreiche Essen bereit. Aber wie gesagt, essen muss er selbst.

Wenn man zu einer Kolumne greift, ist das also von vornherein demokratisch. Die Form verspricht jedem, meinungsverschieden zu sein. Das immer zu bleiben, entpuppt sich als schwierigere Aufgabe. Aber es besteht eine Hoffnung, wenn Redakteure, Lektoren und selbstverständlich jegliche Zensoren um diese Seite einen Bogen machen. Hier wird ständig das Bio-Schreiben, das Schreiben aus dem Bauch gepredigt, bis der Richter kommt. Und Ihr, liebe Genossen, seid fürsorglich eingeweiht, aufgeklärt und vor möglichen Denkfehlern vorgewarnt.

Euer Parteikolumnist

Eure Meinung


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Letzte Aktualisierung: 15.04.2005

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