AIRRUS

Dritter Leserbrief - Ein Firmengeheimnis


Liebe „One“,

hier schreibt Andrej, der Russe. Ich habe ein Firmengeheimnis zu hüten.

Was deiner Meinung nach, liebe „One“, verbirgt sich hinter dem künstlerischen Schrei, der sich im Haus 25 mitten im Foyer über zwei Etagen in die Höhe zieht? Gibt es für dieses Kunststück eine vernünftige wissenschaftliche Erklärung?

Ich glaube, ich habe eine gefunden.

Zuerst dachte ich, was soll dieser scharfkantige Metallrahmen mit einem verirrten Spermium dazwischen? Hat man eigentlich, bevor es aufgestellt wurde, dieses Zeug entschärft oder lauert immer noch die Gefahr, für die achtlosen Mitarbeiterinnen schwanger zu werden? Ab welcher Etage?

Hat unsere Firma keine Angst vor den heimlichen Vaterschaftstesten?

Unser Vaterstaat und ich schon. Das passt irgendwie nicht zusammen. Als guter Arbeitgeber lässt man solche gefährliche Sachen einfach nicht stehen.

Also, ich vermutete einen geschickten Tarnungsversuch hinter dieser Fassade und hatte, liebe „One“, Recht.

Aus meiner Schulzeit weiß ich noch, dass man die große Kunst in aller Ruhe betrachten soll. Wie gesagt, ich habe es nicht vergessen. Mehrmals tat ich es beim Kaffeetrinken neben dem „Casino“. Vergeblich. Musste man das vielleicht studieren? Bin ich etwa alt?

Eines Tages sah ich in diesen Kunstkrämpfen ein Denkmal einer Gehirnwindung. Ja, der Gehirnwindung, die für die Gründung unserer internationalen Firma zuständig war. Nicht schlecht, sage ich nur, in Russland hätte man für das gleiche Ergebnis das ganze Politbüro umlegen sollen. 

Aber heute gelang mir der geistige Durchbruch. Und das ist ein Geheimnis, das ich dir, liebe „One“, anvertrauen möchte.

Zwischendurch gefragt, ist unser „Casino“ auf einen anderen Kaffee umgestiegen? Mit Coca oder so was? Wo kann man den kaufen?

Jetzt weiß ich, wofür so viel Eisen sterben musste. Ich glaube, ich konnte ein Firmengeheimnis lüften. Als ich an Frankreich dachte und dabei scharfe Kanten des Denkmals „Dem unbekannten Spermium“ betrachtete, wurde mir klar, dass wir hier mit einer Haus-Guillotine zu tun haben. Wirklich, mit einer Blutabflussrinne mitten drin. Ist das etwa wahr?

Jetzt verstehe ich auch, warum die Firmenwichtigkeit in diesem Hause mit Stockwerken aufsteigt. Oben das Management, unten das anders begabte Fußvolk. Hat man denen, in den oberen Etagen, bereits das gezielte Punktfallen beigebracht? Das ist nämlich keine gewöhnliche Von-Oben-Nach-Unten-Guillotine. Hier ist die Gefahr einer Fehllandung auf den Marmorboden sehr groß.

Jetzt bist du eingeweiht, liebe Redaktion. Was meinst du, habe ich etwa zu viel erfahren dürfen?

Alle diese Fragen beschäftigen mich im Moment, der Wodka schmeckt nicht so, wie das mal war. Soll ich davon auch meiner Frau erzählen? Sie ist augenblicklich auf unsere Firma nicht besonders gut zu sprechen, du weiß schon, wegen der Tauschaktion „Neu gegen Alt“.

Mit freundlichen Grüßen

Dein treuer Leser Andrej, der Russe

Hamburg, Februar 2005

airrus@gmx.net


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Letzte Aktualisierung: 06.02.2005

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