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Siebter Leserbrief - Sex mit der Firma


Liebe „One“-Redaktion,

dein begeisterter Leser Andrej hat schon wieder Zeit für ein paar Zeilen an dich gefunden.

Meine liebe „One“, mit keinem anderen kann ich so gut meine Probleme besprechen, wie mit dir. Du hast dich bis jetzt als nicht besonders antwortfreudig erwiesen, aber ich weiß, du bist immer für mich da. Ich brauche dringend deinen Rat.

Jeden Tag verbringe ich mindestens neun Stunden bei der Arbeit. Plus zwei Stunden Arbeitsweg, plus Schlaf, Zeit zum Essen, Fernsehen. Da bleib nichts übrig für meine Familie und für meine liebe Frau. Du weißt schon, was ich meine.

Zuerst hatte ich Angst und dachte, dass ich das nicht brauche oder schon alt genug bin, um das nie wieder brauchen zu müssen. Diese Sache beschäftigte mich sehr, bis ich festgestellt habe, dass ich anders bin.

Liebe „One“, ich vermute, nein, ich bin mir sicher, meine Firma befriedigt mich. Ja, im wahrsten Sinne des Wortes. Soll es etwa bedeuten, dass ich Sex mit der Firma habe?

Ich habe mit anderen Kollegen gesprochen. Sie meinen, ich wäre nicht allein. Hie und da haben sich einige schon geoutet. Ja, ich bin nicht allein. Wir sind "Technosexer".

Lieber „One“, das wäre nicht so schlimm, wäre nicht die gestrige Entdeckung. Ich wollte essen gehen und erblickte am Kantineneingang die Frucht einer Technoliebe. Ich wusste sofort, das ist es. Stell dir vor: in einem Glaskasten posierte ein Männchen: sparsam gewachsen, Arme zu Seiten gerissen, gebückt und übermotorisiert, so eine Kacke mit zwei Propellern.

Ein Schauer überfiel mich. Meine Güte, dachte ich, einige von uns hat es offenbar doch böse erwischt.

Bis jetzt konnte ich zwei von diesen armseligen Kreaturen entdecken. Stehen sie zur Ermahnung, dass wir nicht so viel Zeit der Firma opfern sollen?

Warum sollen diese Geschöpfe sterben und in diesen Plexiglasmausoleen verewigt werden? Nebenbei, sie sind nicht gut genug geschützt, liebe „One“. Wir Russen kennen uns damit aus. Da muss noch viel Marmor her, ein paar Wachen und leise traurige Musik.

Was essen diese Männchen? Kerosin? Dann sollen sich die Tankstellen langsam vorbereiten. Es wird immer schlimmer mit der Technoliebe.

Aber weiß du, was ich wirklich denke? Diese Technosexerzeugnisse sind bestimmt von Geburt an sehr schwach und nicht lebendig genug. Wie vieles, was die Menschenhand erzeugen durfte.

Wie, lieber „One“, soll ich meine Frau trösten, wenn sie mir eines Tages so etwas Zweimotoriges zur Welt bringt? Ich habe Angst. Mein tagtägliches Fremdgehen mit der Firma wird auffliegen.

Mit freundlichen Grüßen

Dein treuer Andrej, der Russe-Technosexer

Hamburg, Februar 2005

airrus@gmx.net


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Letzte Aktualisierung: 06.02.2005

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